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Elisabeth Kohner

Elisabeth Kohner kam am 24. August 1857 als Tochter von Hermann und Anna Fantl, geborene Pollack, in Stachau/Schüttenhofen in Böhmen zur Welt, etwa 50 Kilometer nordnordöstlich von Passau. Ihr Vater war „Handelsmann“, also Händler in Stachau. Die wenigen Informationen, die wir über sie haben, umfassen unter anderem ihre Heirat im November 1881 in Schweißing/Böhmen, circa 40 Kilometer nordöstlich von Vohenstrauß, mit Adolf Kohner. Er war in Schweißing am 5. Mai 1854 geboren worden. Als sein Beruf ist „Handelsmann“ angegeben, möglicherweise mag diese Tätigkeit die Verbindung zur Familie Fantl hergestellt haben, schließlich lagen Stachau und Schweißing nur etwa 90 Kilometer auseinander.

Von Schweißing aus zog das Ehepaar nach Windischeschenbach, wo am 30. Juli 1898 ihr Sohn Eduard Hermann zur Welt kam. Er trug den Vornamen seines Onkels Eduard, einem recht bekannten Altwarenhändler in Weiden, wurde selbst aber Hermann gerufen. Am 14. Oktober 1919 zog die dreiköpfige Familie ebenfalls nach Weiden, wo Vater Adolf Kohner sieben Jahre später, 1926, im Alter von 72 Jahren starb, wenige Monate nach der Geburt seines Enkels Adolf. Elisabeth Kohner war zu diesem Zeitpunkt 69 Jahre alt, sie lebte weiterhin in der Kirchenstraße in Weiden, ebenso ihr Sohn Hermann mit Familie. Die zunehmend bedrohliche Lage in Deutschland führte ihren Sohn zu dem Entschluss, das Land zu verlassen. Zuvor wollte er aber seine inzwischen 82-jährige Mutter versorgt wissen und brachte sie – wohl im September 1938 – nach Regensburg in das Altenheim in der Weißenburgstraße 31. [Genauer: wohl am 15.09.1938. Eine andere Datumsangabe findet sich auf der damaligen Meldekarte im Stadtarchiv Weiden,
die als Datum der Ummeldung den 05.12.1939 anführt. Da war der Sohn allerdings bereits emigriert.]

Die Situation im Altenheim in der Weißenburgstraße veränderte sich, als am 30. April 1939 das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ von der Reichsregierung erlassen wurde. In der Fortführung des Reichsbürgergesetzes als Teil der Nürnberger Gesetze von 1935 wurde der Mieterschutz für jüdische Mieter aufgehoben, zugleich das Verfügungsrecht von jüdischen Wohnungsinhabern über ihre Wohnung. Von nun an war es den Stadt- bzw. Gemeindeverwaltungen möglich, Jüdinnen und Juden in ihrer bisherigen Wohnung zu kündigen und sie in bestimmten Wohnungen oder Häusern zu konzentrieren, damals auch „Judenhäuser“ genannt.

Dies galt allerdings nicht für Familien, in denen nur die Ehefrau Jüdin war oder wenn die Familie Kinder hatten; in diesen Fällen waren jüdische Familien von diesen Zwangseinweisungen zumindest vorerst befreit und konnten in ihren Wohnungen bleiben oder gegebenenfalls auch andere finden. In Regensburg gab es 22 „autorisierte Wohnungen“, in die jüdische Mieterinnen und Mieter eingewiesen wurden. – Bei einigen wurden bereits in vergangenen Jahren Stolpersteine verlegt (Gesandtenstraße 10, Heilig-Geist-Gasse 10, Roritzerstraße 10, Schäffnerstraße 2, Rote-Hahnen-Gasse 7 usw.).

Ab diesem Zeitpunkt kam es entsprechend zu zahlreichen Zwangseinweisungen in das Altenheim – von Jüdinnen und Juden aus Regensburg, aber auch aus der näheren und weiteren Umgebung. Im Sommer 1942 lebten auf den drei Ebenen schließlich bis zu 82 Menschen (seit November 1939) – es handelte sich eindeutig um eine Überbelegung: Sechs oder mehr Seniorinnen und Senioren mussten sich in ein Zimmer pferchen, im Dachboden wurden Verschläge errichtet. Lebensmittelversorgung, Küchenausstattung, hygienische Zustände und Wohnbedingungen hatten die Grenzen des Möglichen weit überschritten. Die Mortalität stieg deutlich an. Dabei müssen die Verhältnisse so schrecklich gewesen sein, dass eine Besucherin aus Berlin Suizid beging, als sie selbst in eine solche Wohnung in Berlin zwangseingewiesen werden sollte. Am 23. September 1942 wurden die Bewohner dieses Altenheims in der Weißenburgstraße sowie weitere Menschen im Alter von über 65 Jahren – insgesamt 117 Personen – aus der Jüdischen Gemeinde in der Schäffnerstraße 2 nach Theresienstadt deportiert. Elisabeth Kohner erlag keine drei Wochen später, am 10. Oktober 1942, den unmenschlichen Lebensbedingungen in diesem Lager. Als Todesursache wurde „Enteritis – Darmkatarrh“ vermerkt, aber es ist der beabsichtigte Tod, der Mord, der zählt.

Elisabeth Kohners Sohn Hermann emigrierte im Juli 1939 – jedoch nicht in die USA, sondern nach England, von dort später nach Australien. Seine Frau Irma und ihr Sohn Adolf (*1926) blieben dagegen in Weiden. Ihre Gründe dafür kennt man nicht, man kann sie nur erahnen. Beide, Mutter und Sohn, wurden im April 1942 nach Piaski deportiert und in Lublin ermordet, wie auch fast alle anderen Mitglieder dieser Familie ermordet wurden. Nur zwei Mitglieder des Familienverbands Kohner in Weiden überlebten: Alfred Kohner, der 1935 aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen wurde und sofort Deutschland verließ, und Justin Kohner, der Deutschland hatte rechtzeitig verlassen können und im April 1945 als Offizier der US-Armee nach Weiden zurückkehrte. Seine Eltern Karl Kohner (*1875 in Altenstadt/Vohenstrauß) und Rosa, geborene Liesberger (*1880 in Wallerstein), waren ebenso wie der Bruder Siegfried Kohner deportiert und ermordet worden. Justin Kohner verließ Weiden bald wieder und lebte dann in Frankreich, dessen Staatsbürger er auch wurde.


Quellen:
– Stadtarchiv Weiden: Meldekarte Elisabeth Kohner; Meldekarte Adolf Kohner; Meldekarte Hermann Kohner; Annemarie Krauß: Karte zu Familie Kohner (handschriftl.)
– Schreiben Sebastian Schott, 19.10.2016, Stadtmuseum Weiden
– Todesfallanzeigen.cz
– Siegfried Wittmer, Regensburger Juden. Jüdisches Leben von 1519 bis 1990. 2. Aufl., Regensburg 2002.
– Siegfried Wittmer, Juden in der Oberpfalz von 1919 bis 1993, in: VHVO 133 (1993), S. 125–156.
– Sebastian Schott, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Weiden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in: Michael Brenner, Renate Höpfinger (Hrsg.): Die Juden in der Oberpfalz. München 2009, S. 105–118.
– Onetz. Wir. Leben. Oberpfalz: Die Schrecken des Holocaust in der Stadt – Mindestens 44 Weidener Juden sterben. Oma und Enkel: Familie Kohner ausgelöscht. 29.01.2005 (http://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/lokales/dieschrecken-des-holocaust-in-der-stadt-mindestens-44-weidener-juden-sterben-in-oma-und-enkel-familie-kohnerausgeloescht-d22423.html, aufgerufen am 08.10.2016).
– Onetz. Wir. Leben. Oberpfalz: Justin Kohner kehrte 1945 als US-Offizier nach Weiden zurück – SA-Männer verhört. Überlebender sucht die Täter. 22.04.2005 (http://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/lokales/justin-kohnerkehrte-1945-als-us-offizier-nach-weiden-zurueck-sa-maenner-verhoert-ueberlebender-sucht-die-taeter-1227046.html, aufgerufen 08.10.2016).

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