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Anna Prugg

Anna Prugg wurde am 9. August 1887 in Regensburg geboren. Ihre Eltern Max und Aurelie Nussbaum kommen aus jüdischen Elternhäusern, praktizieren ihren Glauben aber nicht. Nach dem Tode des Großvaters und Geschäftsgründers, Leopold Nussbaum, führen dessen Söhne Max und Carl Nussbaum das Bekleidungsgeschäft für Herrenmode und Uniformen gemeinsam weiter. Sie sind Königlich Bayrische Hoflieferanten. Anna erhält die übliche bürgerliche Erziehung. Von 1893 – 1897 besucht sie die Volksschule, 1903 schließt sie die städtische Töchterschule mit dem Abitur ab. In der französischen Schweiz beendet sie ein Lehrerinnenseminar mit sehr gutem Erfolg. Im elterlichen Geschäft lernt Anna 1910 Franz Prugg, einen Leutnant bei den Tiroler Kaiserjägern, kennen. Anna konvertiert zum katholischen Glauben, damit beide am 14. September 1911 in Regensburg heiraten können. Anna wird österreichische Staatsbürgerin und zieht mit ihrem Mann nach Bruck an der Mur (Steiermark). Dort ist Franz stationiert. Am 3. August 1912 wird die Tochter Eva geboren. In den ersten Wochen des 1. Weltkrieges wird Franz Prugg verletzt und zum Oberleutnant befördert. Schon Ende 1914 muss er wieder an die Front. Am 12. April 1915 wird er in den Karpathen bei einem Gefecht tödlich verwundet. 1915 fällt auch Annas Bruder Julius im Krieg. Nach dem Tod ihres Mannes zieht Anna mit ihrer Tochter wieder zurück nach Regensburg . Die geringe Offizierswitwenrente reicht nicht aus, den Lebensunterhalt für Anna und ihre Tochter zu decken. In einem kurzen handschriftlichen Lebenslauf schreibt sie, „außer meinem Mann nahm mir der Krieg meinen einzigen Bruder, die Inflation mein weit über den Durchschnitt hinausgehendes Vermögen.“ Um Büroangestellte zu werden und Geld zu verdienen, lernt Anna bei der Regensburger Speditionsfirma G.L. Kaiser. Von 1922 – 1926 arbeitet sie bei der angesehenen Herrenbekleidungsfirma Manes in der Goliathstraße, führt dort das Büro und ist verantwortlich für die gesamte geschäftliche Korrespondenz des Chefs, die Buchhaltung, Registratur, Statistik und das Telefon. In den anschließenden Jahren ist Anna im Geschäft der Eltern tätig. Nach dem Tod des Vaters 1927 führt sie das Geschäft bis zu dessen Auflösung 1929. Das gesamte Vermögen geht durch die Wirtschaftskrise verloren. Anna tritt in den nach dem 1. Weltkrieg gegründeten „Deutschen Offiziers – Bund“ ein und wird Schriftführerin des Frauenverbandes dieses Bundes. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz. Sie malt, hat offensichtlich auch Zeichenunterricht genommen. Außerdem wird sie Mitglied des Regensburger Frauenruderclubs. Nach dem Tod Max Nussbaums zieht seine Witwe zu ihrer Tochter in die Prüfeninger Straße 19, wo Anna seit 1917 mit ihrer Tochter Eva wohnt. Die wirtschaftliche Situation der beiden Frauen ist nicht gut. 1929 ist Anna 42 Jahre alt. In der beginnenden Weltwirtschaftskrise herrscht Massenarbeitslosigkeit, eine Arbeit mit guter Bezahlung zu finden ist schwer. Anna bemüht sich um einen Arbeitsplatz bei der Regierung der Oberpfalz. Vermutlich durch Vermittlung von Bekannten und Freunden wird sie als Aushilfskraft bei der dort auch eingestellt. Vorher muss sie noch lernen, um die Gabelsberger Kurzschrift, die Einheitskurzschrift damals, sowie das Maschineschreiben fehlerfrei zu beherrschen. Doch hat sie bei beidem dann Mühe, das Tempo ihrer jüngeren Kolleginnen zu erreichen, so dass sie öfter von den Vorgesetzten missbilligt und ihr Gehalt herabgesetzt wird. Später versetzt man sie in die Telefonzentrale. Annas Gesundheitszustand ist nicht mehr der Beste. Die Ärzte schreiben sie öfter krank, 1933 wird sie dreimal operiert und liegt mehrere Monate im Krankenhaus. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wird das Leben von Anna Prugg immer schwerer. Bald nach der Machtergreifung fordert der Sonderkommissar der SA bei der Kreisregierung von Niederbayern und Oberpfalz, Friedrich Breitenbach, die sofortige Kündigung der „jüdischen Zeitangestellten Prugg“. Zum 30. Juni 1933 wird ihr daraufhin gekündigt. Gegen ihre Entlassung erhebt Anna aber Einspruch beim Staatsministerium des Inneren in München. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ soll Juden und politische Gegner aus dem öffentlichen Dienst entfernen, gilt allerdings nicht für Kriegswitwen. Auf Grund dieser Ausnahmeklausel bekommt Anna ihren Arbeitsplatz in der Telefonzentrale zurück. Daraufhin wird SA – Sonderkommissar Breitenbach sofort wieder tätig, empfiehlt eine Überwachung des Umgangs und der Post von Anna Prugg. Wörtlich steht in dem Brief des Regierungs-Sonderbevollmächtigten: „Vom M – Standpunkt aus ist die Verwendung der Prugg als Beamtin in der Telefonzentrale eine Unmöglichkeit, deren Beseitigung in kürzester Frist unerläßlich ist.“ 1935 wird mit dem „Reichsbürgergesetz“ und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ die Grundlage zur politischen Entrechtung jüdischer Bürger geschaffen, sie sind nun Menschen zweiter Klasse. Schrittweise entzieht man ihnen in den Folgejahren auch ihre materielle Grundlage und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Damit gehen bereits Deportationen in Konzentrationslager einher. Während Anna und ihre Mutter als „Volljuden“ eingestuft werden, gilt Annas Tochter Eva mit zwei jüdischen Großeltern, einer jüdischen Mutter und einem nichtjüdischen Vater als „jüdischer Mischling ersten Grades“. Ihr wird 1935 erneut gekündigt. Ihr Einspruch beim Innenministerium in München, dass die Nürnberger Gesetze für sie als österreichische Staatsbürgerin nicht zuträfen und sie zudem katholischer Konfession sei, bleibt ohne Erfolg. Ab März 1936 ist Anna arbeitslos und bis auf ihre geringe Pension mittellos. Im Februar 1937 ziehen Anna und ihre Mutter ins österreichische Innsbruck. Die beiden Frauen fühlen sich in Österreich wahrscheinlich sicherer, auch wird ihre Witwenpension seit 1933 in Deutschland nicht mehr ausbezahlt, wohl aber in Österreich. Außerdem sucht Anna offensichtlich auch die Nähe zu den Verwandten ihres gefallenen Mannes. Annas Tochter Eva beginnt nach dem bestandenen Abitur in Regensburg eine dreijährige Lehre bei der Regensburger Kunst- und Handelsgärtnerei Trede und schließt diese mit Auszeichnung ab. An ein anschließendes Studium ist für eine „Halbjüdin“ nicht zu denken. Ihre erste Arbeitsstelle im Botanischen Garten in München wird nach einem halben Jahr wegen nicht- arischer Abstammung wieder gekündigt. Ab 1937 ist Eva Prugg in der Gärtnerei des Staudenzüchters Karl Foerster in Potsdam-Bornim angestellt. In Potsdam lernt sie den Bauingenieur Walter Bernhardt kennen. 1940 wird ihr gemeinsamer Sohn Peter geboren. Eine Heirat zwischen einem „Arier“ und einer „Halbjüdin“ wird aber nicht genehmigt. Eva Prugg ist als sogenannte Halbjüdin mit ihrem Kind der ständigen Gefahr des Zugriffs durch die Nationalsozialisten ausgesetzt.  1938 erfolgt der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Nun gilt auch hier deutsches Recht. Im selben Jahr ordnet die Gestapo die „Bereinigung Tirols von allen Juden“ und ihre Zwangsumsiedlung nach Wien bis Ende 1938 an. Noch ist Anna Prugg als „Witwe eines Ariers“, der sich „um das Deutsche Reich verdient gemacht hat“ und wegen ihres katholischen Glaubensbekenntnisses geschützt. Im September 1939 beginnt der 2. Weltkrieg. Sogenannte „Säuberungsaktionen“, die für die jüdischen Bürger in Österreich die Zwangsumsiedlung nach Wien und von dort die Deportation in Konzentrationslager bedeuten, sind an der Tagesordnung. Auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 wird die völlige Vernichtung des jüdischen Volkes, die sogenannte „Endlösung“ organisiert. 1939 verlieren Anna und ihre Mutter in Innsbruck die Wohnung in der Friedhofsallee 1 mit der Begründung, dass man den „anderen Bewohnern nicht zumuten kann, mit Juden in einem Haus zu wohnen.“ In der Pechestraße 10 leben nun beide zur Untermiete. Anna verliert auch ihre Arbeit bei der Firma Linser, findet eine Anstellung in der Textilabteilung eines Kaufhauses und wird als Hilfsarbeiterin verpflichtet. Im Januar 1940 stirbt ihre Mutter Aurelie Nussbaum und wird auf dem jüdischen Teil des Innsbrucker Westfriedhofs beerdigt. 1940 und in der ersten Jahreshälfte 1942 kann Anna zwei „Säuberungsaktionen“ entgehen. Doch im September 1942 holt die Gestapo sie nachts aus ihrer Wohnung hält sie drei Tage im Polizeigefängnis in Innsbruck inhaftiert. Ihr gesamter Besitz wird beschlagnahmt. Am 12. September 1942 transportiert man sie zur Sammelstelle in Wien, um sie nach Polen zu deportieren. In letzter 6 Minute gelingt es der Tochter Eva, aus Potsdam herbeigeeilt, ihre Mutter vom Transport freizubekommen. Anna wird in der Seegasse 16 in der Josefstadt, dem Ghetto von Wien, untergebracht, später lebt sie in zwei Sammelunterkünften: in der Großen Schiffsgasse und in der Robertgasse. Sie wird zur Zwangsarbeit in einer Wäschenäherei eingesetzt. Am 3. Februar 1944 wird Anna denunziert und verhaftet. Im Tagesprotokoll der Gestapo ist vermerkt: „Die Jüdin hat wiederholt öffentliche Lokale und Gaststätten aufgesucht. Sie wird ins Polizeigefängnis inhaftiert. Gegen sie wird Schutzhaft beantragt.“ Ihrer Tochter gelingt es, die Mutter 10 Minuten im Gefängnis besuchen zu können. Auf ihre Frage, was man der Mutter zur Last lege, antwortet der Gestapobeamte: „Besuch eines Lokals mit nichtjüdischen Lebensmittelkarten, Besuch eines Kinos, Benutzung der Staatsbahn, darauf steht die Strafe KZ.“ Es war der „bitterste Moment in meinem Leben“, wird Eva später schreiben. Sie erhält von ihrer Mutter noch zwei Postkarten aus dem Polizeigefängnis. Es sind die letzten Lebenszeichen. Ende Mai 1944 wird Anna Prugg über Theresienstadt in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Sie erhält dort die Häftlingsnummer 79546. Ihr Todesdatum ist der 6. Oktober 1944.

Text verfasst von den Enkeln von Anna Prugg

Quellen: Familienchronik Bernhardt/Kleine Ines Oberhollenzer Potsdam 15.11.2016: „Anna Prugg, geb. Nussbaum Tabelle“

 

Lebenslinie Eva Prugg

Annas Tochter Eva beginnt nach dem bestandenen Abitur in Regensburg eine dreijährige Lehre bei der Regensburger Kunst- und Handelsgärtnerei Trede und schließt diese mit Auszeichnung ab. An ein anschließendes Studium ist für eine „Halbjüdin“ nicht zu denken. Ihre erste Arbeitsstelle im Botanischen Garten in München wird nach einem halben Jahr wegen nicht- arischer Abstammung wieder gekündigt. Ab 1937 ist Eva Prugg in der Gärtnerei des Staudenzüchters Karl Foerster in Potsdam-Bornim angestellt. In Potsdam lernt sie den Bauingenieur Walter Bernhardt kennen. 1940 wird ihr gemeinsamer Sohn Peter geboren. Eine Heirat zwischen einem „Arier“ und einer „Halbjüdin“ wird aber nicht genehmigt. Eva Prugg ist als sogenannte Halbjüdin mit ihrem Kind der ständigen Gefahr des Zugriffs durch die Nationalsozialisten ausgesetzt.  1938 erfolgt der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Nun gilt auch hier deutsches Recht. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

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