Mina Grünhut
Mina (auch: Minna) Grünhut, geborene Veith, erblickte am 28. Mai 1859 das Licht der Welt. Mit ihren Eltern Elias und Lisette Veith sowie fünf Geschwistern lebte sie in Steppach, einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg. Ihr Vater handelte mit Häuten und Fellen.
In Steppach existierte seit 1584 eine große jüdische Gemeinde, die Genehmigung zur Ansiedlung hatte die Marktgrafschaft Burgau erteilt. Im 17. Jahrhundert erhielt Steppach das Recht des freien Zuzugs von Juden; dies bewirkte ein Aufblühen der Gemeinde, wie eine Beschreibung aus dem Jahr 1867 verdeutlicht: „Steppach, katholisches Pfarrdorf im Archidiakonat Augsburg, protestantische Pfarrei, 535 Einwohner, 15 Protestanten, 150 Juden, 176 Gebäude, 1 Kirche, 1 Synagoge mit Judenschule, Schule.“
Mina besuchte die Werktagsschule, in der christliche und jüdische Kinder gemeinsam unterrichtet wurden. Aus einem Schulbericht des Jahres 1870/71 geht hervor, dass sie „eine sehr gehorsame und artige Schülerin“ war, die stets gute Noten erzielte. Der Religionsunterricht wurde in der Synagoge abgehalten. Viele jüdische Familien verließen nach der Reichsgründung von 1870/71 den Ort, um in der aufstrebenden Metropole Augsburg wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Auch Minas Familie plante einen Umzug, denn im Jahr 1873 stellte Elias Veith den Antrag, die Steppacher Gemeinde mit der Augsburger Gemeinde zusammenzulegen, nachdem nur noch zwei jüdische Familien ansässig waren. Diesem Antrag gab die Regierung von Schwaben und Neuburg am 30. März 1873 statt.
Als Mina volljährig war, wurde sie im April 1880 mit dem Witwer Isidor Grünhut aus Regensburg verehelicht. Dieser betrieb einen Handel für Hopfen, Pech, Häute, Felle und Därme am Georgenplatz 2. Seine fünf Kinder aus erster Ehe waren noch minderjährig und in den folgenden Jahren gebar Mina sieben Kinder:
– Ida (*1881)
– Emma (*1882)
– Isabella, genannt Bella (*1884)
– Samuel Leopold (*1886)
– Betty (*1887)
– Josef (*1892)
– Berthold (*1893)
Die Eltern legten großen Wert auf eine gute schulische Bildung: Alle Kinder besuchten die höheren Schulen, deren Besuch kostenpflichtig war. So erlangten die Mädchen das Abitur am städtischen Mädchen-Lyzeum am Petersweg, ohne jedoch im Anschluss einem Beruf nachzugehen. Die Lerninhalte bereiteten sie vor allem auf ein Leben als Hausfrau und Mutter in einem gutbürgerlichen Umfeld vor.
Die Söhne Samuel und Josef wurden zu Kaufmännern ausgebildet, um den väterlichen Betrieb übernehmen zu können. Der Ältere eröffnete später eine koschere Metzgerei in der Von-der-Tann-Straße. Als gute Patrioten meldeten sich alle drei Söhne 1914 als Soldaten und wurden eingezogen. Berthold, der Jüngste, wurde im Alter von 23 Jahren im November 1916 getötet. Ein weiterer Schicksalsschlag traf Mina 1924, als ihr Ehemann Isidor im Alter von 77 Jahren aus dem Leben schied. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Schillerstraße beigesetzt.
Im April 1937 siedelte Mina Grünhut nach München um und bezog ein Zimmer im Altenheim in der Mathildenstraße 9. Vermutlich unternahm sie diesen Schritt, weil das Altenheim in Regensburg noch nicht eröffnet worden war. Im Jahr darauf verließ sie die Einrichtung und zog zu ihrer Tochter Emma Vollweiler in die Straße Löwengrube 22. Es folgte ein weiterer kurzzeitiger Aufenthalt im Altenheim und schließlich eine Rückkehr nach Regensburg. Hier wohnte sie im jüdischen Altenheim an der Weißenburgstraße, das ihr Sohn Josef und dessen Frau Else leiteten, die sich liebevoll um sie kümmerten.
Auf Anordnung der Stadtverwaltung und der Polizei mussten sich am 23. September 1942 die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheimes sowie diejenigen Senioren und Seniorinnen, die im Gemeindehaus untergebracht waren, auf dem Platz der abgebrannten Synagoge am Brixener Hof mit ihrem persönlichen Reisegepäck einfinden. Der Weg zum Bahnhof war ein kurzer, wo alle in einen Personenzug nach Hof einstiegen; dort angekommen wechselten sie in den sogenannten II Nürnberger Transport mit dem Ziel Bohušovice nad Ohří (Bauschowitz an der Eger) bei Theresienstadt. In diesem Transport mit der Nummer II/26, der aus Nürnberg kam, wurde Mina Grünhut von ihrer Tochter Ida, ihrem Sohn Josef und seiner Gattin Else sowie weiteren Familienangehörigen begleitet, wie der Eingangsliste aus Theresienstadt zu entnehmen ist. Mina Grünhut wurde dort mit der Nummer 604 registriert.
Wenige Wochen später, am 6. Dezember 1942, verstarb Mina Grünhut. Sie wurde 83 Jahre alt.
Das Haus Georgenplatz 2 wurde 1963 abgebrochen, um im Rahmen des Straßenneubaus die Brückenzufahrt über die Donau zu verbreitern.