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Alice Heiß

Alice Heiß wurde am 15. Mai 1899 als Alice Heidecker geboren. Sie starb am 3. Januar 1944 im Konzentrationslager Auschwitz.

Alice Heidecker blieb ein Einzelkind und wuchs im neuerrichteten repräsentativen Haus ihrer Eltern Dr. David (geb. 1868 in Thalmässing) und Meta (geb. 1877) Heidecker am Neupfarrplatz 12 auf. Sie wurden 1898 in Nürnberg verheiratet. Ihrem Vater wurde gegen eine Gebühr von 170 Mark im Jahr 1905 das Bürgerrecht in Regensburg verliehen. Er war nicht nur als Rechtsanwalt und Justizrat ein angesehener Bürger, sondern bekleidete als liberaler Jude bis 1920 auch das Amt des Vorstands der Jüdischen Gemeinde.

Zur Einweihung der neu errichteten Synagoge am Brixener Hof am 29. August 1912 erschien der Bürgermeister Dr. Geßler mit dem Magistrat der Stadt um 11 Uhr im Beisein von Vertretern des Offizierscorps und der beiden christlichen Kirchen. Nach der Ansprache des Vorstands Dr. Heidecker im Hof vor der Synagoge übergab die 13-jährige Alice dem Bürgermeister die Schlüssel zum Gotteshaus. Dr. Geßler versprach, dass die Stadt Regensburg die Synagoge schützen werde.

1921 verstarb Meta Heidecker, der Vater bezog eine Wohnung in der Luitpoldstraße 19 und verlegte die Kanzlei in die Pfauengasse 10.

1922 beantragte Alice einen Reisepass bei der Stadtverwaltung. Am 12. August 1927 ehelichte sie den zwei Jahre älteren, katholischen Rechtsanwalt Alfons Heiß gegen den Willen ihres Vaters. Das junge Paar bezog ein Haus westlich der Altstadt, Hans-Huber- Straße 5. Zwei Jahre später, im Juli 1929, wurde ihre Tochter Helene Meta geboren. Zu diesem Zeitpunkt versöhnte sich David Heidecker mit seiner Tochter und schenkte dem Schwiegersohn einen prächtigen Steinway-Flügel. Doch bereits im darauffolgenden Jahr 1930 verstarb er und Alice trat aus der Jüdischen Gemeinde aus. 1934 konvertierte sie zum katholischen Glauben und nahm den Namen Elisabeth an.

Alfons Heiß war seit vielen Jahren mit dem gleichaltrigen Prokuristen Fritz Bräu befreundet. Dieser wohnte bis 1936 mit seiner Frau in der Richard Wagner-Straße, wo sich die beiden Ehepaare regelmäßig trafen.

Ein weiterer Freund mit Namen Wilhelm Herrmann (geb. 1885) gesellte sich zu ihnen. Die Männer hörten regelmäßig ausländische Radiosender, vor allem BBC London. Obwohl unterschiedlicher politischer Gesinnung – Alfons Heiß stand der BVP, Wilhelm Herrmann dem Marxismus nahe – verband sie die wachsende Abneigung der Politik der NSDAP. Fritz Bräu war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gewesen, wurde mit 18 Jahren schwer verwundet. Er lehnte das Gewalt- und Unrechtssystem der nationalsozialistischen Diktatur vehement ab, insbesondere die Aufhebung der bürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung.

Im September 1943 wurden zuerst Wilhelm Herrmann, kurz darauf die beiden Ehepaare Bräu und Heiß verhaftet. Alice Heiß wurde am 28. September 1943 in das Landgerichtsgefängnis Regensburg eingeliefert. Den Vorwurf des Abhörens ausländischer Radiosender konnten weder Fritz Bräu noch Alfons Heiß abstreiten, dennoch versuchte Fritz Bräu, die beiden Frauen als Unbeteiligte darzustellen, um ihre Verhaftung wieder rückgängig zu machen.

Nichtsdestotrotz wurde Alice Heiß aufgrund ihrer jüdischen Abstammung weiterhin in der Augustenburg, dem Regensburger Gefängnis, inhaftiert. Am Tag nach ihrer Verhaftung plünderte die Gestapo das Haus in der Hans-Huber-Straße 5, wertvolle Bücher und Schallplatten sowie das Radiogerät wurden beschlagnahmt. Ihre Tochter Helene musste das Haus verlassen und wurde ebenfalls mehrmals verhört.

Zwei Wochen später verlor Alfons Heiß seine Zulassung als Rechtsanwalt und wurde aus der RA-Liste des Amtsgerichts und des Landgerichts Regensburg gestrichen.

Das Urteil gegen ihn und seinen Freund Fritz Bräu wurde am 3. Dezember 1943 verkündet, das Verfahren gegen Wilhelm Herrmann abgetrennt und an das OLG München verwiesen. Dort wurde sein Fall bis zum Kriegsende nicht mehr verhandelt.

Alfons Heiß wurde zu eineinhalb Jahren, Fritz Bräu zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Monate Untersuchungshaft wurden angerechnet. Im Dezember 1943 wurden sie in das Zuchthaus Amberg verlegt, wo Alfons seine gesamte Haftstrafe verbüßte.

Seine Ehefrau Alice, ebenfalls inhaftiert in der Augustenburg, wurde ohne Urteil am 25. November 1943 in das KZ Auschwitz verlegt. In den sieben Wochen des Wartens und Hoffens konnte sie kleine Briefe an ihren Gatten schreiben, die die couragierte Gefängisaufseherin Friederike Menauer
weiterleitete. Es gelang ihr sogar, Nachrichten an Angehörige außerhalb der Gefängnismauern zu überbringen.

In einem Brief vom 3. November 1943 schrieb Alice u.a. folgendes an ihren Mann: „Ich arbeite in der Nähzelle, flicke Wäsche oder stricke für die Beamten.“ Sie sprach ihre Sorge um ihre Tochter an und ihre tiefe Verbundenheit zu ihrem Mann.

Alfons Heiß versuchte, sich für die Freilassung seiner Frau einzusetzen, die ja nicht wegen eines Vergehens, sondern aufgrund ihrer Abstammung inhaftiert sei, wie er in einem Brief an seine Tochter formulierte. Doch seine Bemühungen blieben erfolglos.

Am 25. November 1943 wurde Alice Heiß als „Einzeltransport“ im Zug in das KZ Auschwitz verlegt. Dem Regensburger Gefängnisgeistlichen gab sie beim Abschied ihren Rosenkranz mit der Bitte, diesen an ihre Tochter auszuhändigen.

Laut Sterbeurkunde verstarb sie am 3. Januar 1944 im KZ Auschwitz.

Quellen: Stadtarchiv Regensburg, W. Kick, S.Wittmer

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