Berta Benjamin
Berta Benjamin (nicht im Bild) war die Mutter von Frieda Koller (hinten links). Sie lebte bei der Familie ihrer Tochter in der Roritzerstraße 10. Berta Benjamin wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und wurde dort am 9. Oktober 1942 ermordet.Ihre Enkelin Else Fleischmann (im Bild vorne) überlebte und konnte so viele Jahre später über ihre Eltern und ihre Großmutter berichten. Das Interview mit Else Fleischmann (geb. Koller) geb. am 2. November 1930, wurde am 11. September 1996 in Granada Hills (USA), Kalifornien (im Norden von Los Angeles) aufgenommen. Die Roh-Mitschrift und Übersetzung erfolgte durch Reinhard Hanausch.
Else ist auf dem Bild das Kind zwischen ihren Eltern Frieda Koller,
geb. Benjamin, geboren am 8. Juli 1900 in Merzig, Notariatsangestellte, Kaufmannsehefrau und Mutter von zwei Töchtern, und Robert Koller, geboren am 30. April 1890 in Maustrenk (Mistelbach), Schnitt- und Kurzwarenkaufmann (Kaufhaus „Zur Billigen Quelle“).
Frieda und Robert Koller mussten noch 1940 ihre Wohnung in der Roritzer Str. 10a verlassen und in das „Judenhaus in der Gesandtenstraße 10“ übersiedeln. Von dort wurden sie am 2. April 1942 nach Piaski deportiert und dort ermordet. Die Mutter Frieda Kollers, Berta Benjamin, die ebenfalls in der Roritzerstr. 10 lebte, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort im selben Jahr am 9. Oktober.
Es folgt der Bericht von Else Fleischmann, geb. Koller:
Ich wurde in Regensburg geboren. Ich hatte ein schönes Leben und meine Eltern eine komfortable, schöne Wohnung. Als ich von meinen Eltern weg musste, war ich acht Jahre alt, ich kann mich deshalb an nicht allzu vieles erinnern. Ich spielte mit vielen Freunden. Wir hatten viele Verwandte in verschiedenen Städten, wie z. B. Frankfurt oder Wien. Ich war zweimal in Wien gewesen. Dort lebte der Bruder meines Vaters. Der hatte keine Kinder. Ich war ein Einzelkind und genoss es.
In Regensburg gab es nur eine orthodoxe jüdische Gemeinde, keine anderen Strömungen. In der Synagoge saßen die Frauen oben, die Männer unten, man lebte koscher und beachtete auch sonst die Gesetze. Das war für mich auch sehr wichtig.
Mein Sohn Marc fragte mich einmal, warum mir die Religion so wichtig sei und ich antwortete, dass die Religion, als ich von Deutschland weg musste, eines von den ganz wenigen Dingen war, das mir blieb, was man mir nicht wegnehmen konnte.
Am 11. November 1938 (der Kristallnacht) schlief ich mit meiner Großmutter im selben Zimmer. Mitten in der Nacht kam die Polizei herein und weckte uns auf und brachte uns zur Polizeistation. Aber seit dieser Zeit wurde alles ganz anders und schlecht.
Mein Vater und andere Männer wurden in ein KZ gebracht und ich wusste nicht, wo er war. Vielleicht wusste es die Mutter, ich aber nicht. Viele auf der Polizeistation weinten, die Polizei fragte uns aus, war sehr ärgerlich und ungezogen. Wir wurden am Morgen zurückgeschickt und wurden gewahr, dass alle jüdischen Familien „have gone through that“ – das haben durchmachen müssen. In der Wohnung hatten wir viele schöne Sachen, Kristall, Porzellan und Bücher und andere Sachen. Als wir zurückkamen, lag alles durcheinandergeworfen auf einem Haufen und vieles war zerbrochen. Auch in unserem Laden war alles durcheinandergeworfen und sie zerstörten auch dort Dinge. Es war sehr erschreckend.
Danach waren die nicht-jüdischen Leute, die wir kannten, nicht mehr freundlich und wir konnten zu vielen Orten nicht mehr gehen, wie ins Schwimmbad oder in bestimmte Geschäfte. Seither war mein Leben bestimmt von einem Gefühl der Angst. Dies hatte ich nie vorher erfahren. Meine Eltern versuchten natürlich, mir ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Meine Mutter versuchte ihr Bestes, mir zu sagen, dass sie mich beschützen würde, aber ich hatte dieses Gefühl der Angst und es ging nicht mehr fort, ich konnte es für sehr lange Zeit nicht mehr überwinden. Nach der Kristallnacht hatte sich das ganze Leben verändert.
Es fühlte sich an, als ob jemand eingebrochen hätte, eingedrungen wäre und so war es erschreckend, gewahr zu werden, dass du zwar nichts gemacht hattest, dass aber trotzdem jemand kam, eindrang und sich wie ein Dieb, ein Krimineller benahm und ich konnte nicht verstehen warum. Sicher verstanden meine Großmutter und meine Eltern mehr. Ich wusste ja nichts von den politischen Verhältnissen, ich hörte ein wenig, aber ich wusste nichts über die Nazis. Ich glaube, wir hörten auch nicht viel Radio oder es wurde nicht viel Zeitung gelesen und so verstand ich nicht, was mit uns geschah.
Danach war alles so geheim. Vorher war alles öffentlich und einfach und jetzt mussten wir darauf achten, wohin wir gingen. Die Synagoge war zerstört. Ich weiß nicht, ob wir danach noch zur Synagoge gingen, ob wir das durften. Die Fenster der Synagoge waren eingeworfen, die Türen zerstört. Ich weiß nicht, ob ich nochmals drinnen war, es waren Schmierereien an den Wänden.
Ob wir danach noch zur Schule gingen – das Schulhaus war gleich neben der Synagoge – weiß ich auch nicht genau. Ich glaube, ich ging weiter zur Schule. Aber es war anders danach.
Früher spielten wir auch mit nichtjüdischen Kindern. Danach kamen wir nicht mehr mit ihnen zusammen. Einmal war ich mit Mutter auf der Straße. Wir sahen einen Freund und ich wollte zu ihm hin. Mutter sagte, wir sollten nicht hingehen und die Leute wechselten die Straßenseite. Ich fragte nicht mehr nach. Es war schwer zu verstehen.
Vor der Kristallnacht war ich ein sehr glückliches, liebevolles, extrovertiertes Kind. Danach war ich weniger glücklich, hatte nur mehr die Sicherheit der Eltern. Vater war eine Zeit nicht da, das machte mir zu schaffen und es war wundervoll, als er zurückkam. Wir waren so glücklich und erlöst. Es war furchtbar in der Zeit, als er weg war und wir hofften immer, dass er zurückkommen würde.
Wir haben gefeiert, als er zurückkam – ich hätte nicht glücklicher sein können. Ich konnte ihn danach nicht mehr weggehen lassen, da hatte ich Angst, er wäre wieder weg. Ich war sehr anhänglich geworden, abhängig von meinen Eltern. Vater sprach nicht über seine Erlebnisse. Vielleicht mit meiner Mutter, nicht mit mir. Es muss hart für ihn gewesen sein. Er konnte jetzt auch nicht mehr ins Geschäft und es waren viele Entscheidungen zu treffen. Der größte Teil der Familie meiner Mutter konnte Deutschland verlassen nach Israel und in die USA. Martha hatte drei Kinder, Hans, Fred, Ruth; die waren älter als ich. Sie gingen nach Israel in ein Kibbuz.
Ich wusste nicht, was mit ihnen geschehen war, bis ich in die USA kam. Sie versuchten, mit dem Schiff „Patria“ nach Israel zu kommen, doch die Engländer bombardierten das Schiff. Ruth und Martha starben auf diesem Schiff. Als ich das erfuhr, war es ein großer Schock für mich.
Meine Eltern sprachen nicht in meiner Anwesenheit über ihre Pläne. Ich weiß nicht, warum sie nicht herauskommen konnten. Mein Vater war sehr patriotisch. Vielleicht wollten sie auch einfach nicht weggehen. Ich weiß es nicht.
Ich weiß nicht, wie sie in der Zeit nach der Kristallnacht überleben konnten, sie hatten ja das Geschäft nicht mehr. Es muss sehr schwer gewesen sein. Man hat uns ja alles, was wertvoll gewesen war, weggenommen und wir konnten nur wenig Geld retten. Sie mussten auch aus der Wohnung raus, aber erst, nachdem ich weg war. Wir konnten auch nicht mehr reisen. Vorher waren wir ja öfter in Wien. Wir versuchten, trotzdem ein normales Leben zu führen.
Ich ging ab dem sechsten Lebensjahr in eine jüdische Schule, ich weiß nicht, ob das normal war, oder ob es für uns bereits verboten war, in eine öffentliche Schule zu gehen. Ich ging sehr gerne zur Schule.
Mit meiner Familie lebt auch meine Großmutter, nachdem ihr Großvater gestorben war. Die Großmutter hieß Berta Benjamin. Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu ihr und verbrachte viel Zeit mit ihr. Es war wunderbar, bei ihr zu sein. Sie hatte Zeit für mich. Mutter und Vater hatten einen Laden „Zur billigen Quelle“, dort gab es eine Menge Trikotagen, Stoffe, Unterwäsche. Die Mutter half auch mit im Geschäft. Die Großmutter lehrte mich eine Menge Sachen, wie Stricken, Häkeln, Sticken – es war schön, mit ihr zusammen zu sein. Ich hatte auch eine sehr enge Beziehung zu meiner Mutter, die auch viel Zeit mit mir verbrachte.
Besonders erinnere ich mich an die Sonntagsspaziergänge mit Vater und Mutter. Wir müssen nahe am Wald gewohnt haben, denn wir gingen oft im Wald spazieren. Der Vater trank gerne Bier. (Else Fleischmann erinnert sich im Interview an einen Ort, der damals ein Spaziergänger-Ziel, ein „walk up thing“, gewesen war).
In Europa schließen die Geschäfte während der Mittagszeit. Vater kam heim und ER kochte Mittagessen. Ich sah gerne zu und durfte helfen. Mutter und Großmutter waren gute Bäckerinnen. Immer wenn ich morgens aufstand, waren die beiden schon wach.
Unsere letzte Wohnung war in der Roritzerstraße. Vater interessierte sich fürs Turnen und wollte auch mich dafür gewinnen, aber ich wollte nicht.
Ich hatte ein kleines Auto, das ich sehr liebte, mit dem ich herumfuhr in der Wohnung im 1. Stock. Über uns wohnte eine Familie mit einem Jungen im selben Alter. Mit dem spielte ich zusammen im Garten. Wir gingen auch gerne schwimmen im öffentlichen Schwimmbad (dies auch mit meinem/r Cousin/e aus Frankfurt, Eric und Nora).
Ich konnte nicht so gut schwimmen und Eric „rettete“ mich dann. Er war mein Lieblingscousin, ein paar Jahre älter als ich; er war lustig und machte gerne Späße. Er war mein Cousin mütterlicherseits und ich habe ihn auch in Frankfurt besucht. Ich hatte auch noch einen Onkel und eine Tante in München, was nicht so weit war, da war die Schwester meiner Mutter mit Namen Martha. Diese hatte eine Tochter Ruth, die ein Jahr älter war als ich.
Als ich sechs Jahre alt war, sollte ich mit in ein Sommercamp; ich wollte jedoch nicht von meinen Eltern weg. Aber Ruth war auch dabei und so ging ich mit und es war dann sehr lustig.
Als ich fünf Jahre war, hatte ich Keuchhusten und ging deshalb mit meiner Mutter auf eine Kur nach Wiesbaden und blieb dort fünf Wochen lang. Dort hatte ich die ganze Zeit meine Mutter nur für mich. Das war sehr schön. Ich hatte ein wirklich schönes Leben.