Carl Freising
Carl Freising wurde am 28. September 1886 in Sulzbürg geboren. Er war der Erstgeborene von Simon und Doris Freising, in den Folgejahren bekam er sechs Geschwister: Gustav 1888, Julius 1890, Siegfried 1891, Benno 1893, Ida 1895, Thekla 1900. Alle Kinder besuchten die jüdische Schule in Sulzbürg.
Bereits der Vater Simon Freising war als Kaufmann in Freystadt und Sulzbürg tätig, er betrieb einen Eisenwaren- und Geschirrhandel. Im Ersten Weltkrieg standen alle Söhne im Feld. Lediglich drei kehrten zurück: Benno, der Jüngste, beging im Jahr 1916 Selbstmord, sein Bruder Siegfried fiel bereits im Oktober 1914. Carl wurde ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz.
Am 4. September 1919 heiratete er in Nördlingen die ein Jahr jüngere Irma Kaufmann. Auch sie entstammte einer Kaufmannsfamilie. Wenige Wochen später zog das junge Paar nach Regensburg um. Ab dem 30. September 1919 waren sie hier gemeldet. Sie bezogen eine Wohnung im zweiten Stock des Anwesens am Arnulfsplatz 4. Ein Jahr später wurde die erste Tochter, Anna Ruth, geboren. 1927 folgten Tochter Doris und im Jahr 1928 Sohn Alfred.
Carl Freising betätigte sich ebenfalls als Kaufmann. Er führte eine Eisen-, Metallwaren- und Baubeschlägehandlung, anfangs in der Unteren Bachgasse, in den 1930er Jahren dann in der Oberen Bachgasse 21. Das Geschäft hatte einen guten Ruf als Fachgeschäft mit vielen treuen Stammkunden weit über die Stadtgrenzen hinaus. Der Jahresgewinn war solide und belief sich auf circa 10.000 RM. Zusätzlich übernahm Carl Freising in den folgenden Jahren den Reparaturservice für Sägemaschinen der Firma Gottfried. Er beschäftigte zwei Angestellte und drei Lehrlinge.
1936 musste Ruth die Schule beenden. Sie versuchte daraufhin, ihre Eltern zu einer Ausreise zu bewegen. Doch ihr Vater war davon überzeugt, als Kriegsteilnehmer und angesehener Kaufmann keinerlei Gefahr ausgesetzt zu sein. Nichtsdestotrotz bemühte sich Ruth um ein Ausreisevisum. Im Januar/Februar 1938 gelang es ihr schließlich, über Hamburg zu entfernten Verwandten in die USA auszureisen. Von dort versuchte sie, ihre Eltern und Geschwister nachzuholen.
In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch Carl Freising von SA- und SS-Männern aus dem Haus getrieben und verhaftet. Am nächsten Tag wurde er dem KZ Dachau überstellt. Nach seiner Freilassung sah er sich gezwungen, sein Geschäft unter Wert an die Firma Gottfried zu verkaufen. Er konnte mit dem Käufer vereinbaren, als Hilfsarbeiter im Werk in Dechbetten beschäftigt zu werden, um seine Ausreise in die USA vorzubereiten.
Gleichzeitig zog die Familie in die Landshuter Straße 14b um, außerhalb der Altstadt, aber in die Nähe des Altersheimes in der Weißenburgstraße 31. Dort war Simon Freising, der verwitwete Vater Carls, 1940 eingezogen, nachdem er sein Wohnhaus in Sülzburg im Jahr 1939 ebenfalls verkaufen und innerhalb von 12 Monaten ausziehen musste. Er verstarb im Januar 1941 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Schillerstraße beerdigt.
Am 2. April 1942 wurden Carl und Irma Freising sowie ihre beiden Kinder Doris und Alfred aufgefordert, sich mit 30 kg Gepäck pro Person auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge Am Brixener Hof einzufinden. Ihnen wurde mitgeteilt, in den Osten umgesiedelt zu werden. Am 4. April, nachdem ein Zug mit jüdischen Familien aus München eingetroffen war, begann die Reise, die nach einigen Tagen in Piaski endete. Im dortigen Schtetl mussten sich Familie Freising und die übrigen 100 Regensburger Juden einquartieren – in Holzhäusern, deren ursprüngliche Besitzer bereits ermordet worden waren.
Das weitere Schicksal der Familie ist unbekannt.