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Hedwig Hahn

Hedwig Hahn wurde am 26. Januar 1889 in Regensburg geboren. Sie war Inhaberin eines Geschäftes für Landprodukte und Eisen und wohnte im Weißgerbergraben 7. Sie starb im April 1942 auf dem Transport ins polnische Konzentrationslager Piaski.

Die Nachwelt wüsste wenig über Hedwig Hahn, wenn sich nicht der Nachbarsjunge Fritz Sautner an sie erinnert hätte. Anlässlich der Verlegung des Stolpersteins im Februar 2008 schilderte er seine Erinnerungen an das Fräulein Hahn.

Fritz Sautner erzählte, dass er ein „Glasscherbenviertler” gewesen sei und unter dem kleinen grünen Haus, in dem das Fräulein Hahn gelebt hatte, immer mit den anderen Kindern gespielt hat. Sie hat immer am Fenster gesessen und „wissend herunter gelächelt”, erinnerte Sautner sich. Dann las er eine Passage aus der Geschichte über das Fräulein Hahn vor, die er schon mehr als 13 Jahre zuvor aufgeschrieben hat und legte schließlich zwei Rosen am fertig installierten Stolperstein nieder.

Losgelassen hat es Fritz Sautner nie, dass er als Kind von einen Tag auf den anderen mit der freundlichen Frau nicht mehr reden durfte. Und als kleiner Bub konnte er auch nicht verstehen, warum aus der Nachbarin plötzlich ein „Volksschädling” geworden sein sollte.

Klein und etwas rundlich sei sie gewesen, das Fräulein Hahn, erzählte Fritz Sautner. Und einen etwas schweren Gang habe sie schon gehabt. Ihr Vater Jonathan war erst vor kurzem gestorben. Sie war alleinstehend. Und in das kleine grüne Haus sah der Fritz nie einen Besucher kommen. Hedwig Hahn war Jüdin. „Sie lebte ein Leben auf Zeit”, sagte Sautner. „Jeden Tag konnte man sie abholen und es war sowieso ein kleines Wunder, dass man sie immer noch in dem kleinen grünen Haus wohnen ließ.”

Auf ihrem dunkelblauen, schon etwas zerschlissenen Mantel prangte groß und gelb der Davidsstern und das Wort „Jude”. Die wenigen Male, wenn der Fritz sie aus dem Haus kommen sah, trug sie immer einen blauen Schal, mit dem sie versuchte, Stern und Aufschrift ein wenig zu überdecken. „Diese Leute waren damals Freiwild”, erzählte Sautner. Die Kinder hatten nicht mit ihr reden dürfen. Der Kontakt zwischen Juden und Nichtjuden war streng verboten. Und wirklich erklären konnte es dem Fritz keiner, warum die Frau Hahn, die als eine von wenigen immer lächelte, wenn sie die Kinder spielen sah, „die niemals jemand auch nur mit einem lauten Wort entgegen getreten war, auf einmal zu einem ,Volksschädling’ geworden sein sollte”. Hinter leicht vorgehaltener Hand wurde ihm damals erklärt, dass er das halt noch nicht verstehe und dass der Führer schon wisse, was er tut.

Fritz Sautner hat noch das Bild vom Hampelmann im Kopf, der hinter den Scheiben des Kaufhauses Dietz in der Gesandtenstraße hing. Er weiß auch noch, dass er sich als kleines Kind wunderte, weil der Hampelmann dort auch noch hing und funktionierte, als die Scheiben eines Morgens zersplittert und die Räume verwüstet waren. Geraume Zeit später war der Hampelmann weg, neues Glas eingesetzt und aus dem Kaufhaus Dietz war was Kaufhaus Benno Bauer geworden. Dass das die Reichspogromnacht war und das jüdische Kaufhaus Dietz damals „zwangsarisiert” wurde, wusste erst der erwachsene Fritz.

Und erst dem wurde schließlich bewusst, „wie schwer es für das Fräulein Hahn war, ganz alleine in ihrem kleinen grünen Haus zu sitzen und jeden Tag damit zu rechnen, abgeholt zu werden.” Die Annahme, dass so etwas heute nicht mehr passieren könnte, bezeichnete Sautner als „ganz schön naiv”.

Einmal kam der Fritz dem Fräulein Hahn ganz nahe. An einem der wenigen Tage, an dem sie noch ihr Haus verließ, fiel sein Blick auf den Stern, über den sie – wie immer – ihren Schal ganz leicht gelegt hatte. Vor lauter Starren stieß er fast mit ihr zusammen. „Als ich mich erschreckte und in ihr Gesicht sah, war da wieder dieses feine, wissende und an diesem Tag fast etwas traurige Lächeln.” Das alles dauerte nur wenige Sekunden, doch Fritz Sautner ist dieser Moment bis heute im Gedächtnis geblieben. Es war das letzte Mal, dass er Hedwig Hahn sah. Ein paar Tage später bemerkte er, dass sie nicht mehr wie sonst am Fenster saß und die Kinder beim Spielen beobachtete. „Sie haben sie abgeholt”, sagte man dem kleinen Fritz. Im Lager Theresienstadt solle sie sich nun „ihr tägliches Brot wie alle anderen durch körperliche Arbeit verdienen”, erzählten ihm die Erwachsenen. „Ich stellte mir in meiner Phantasie vor, dass an einem Ort mit einem so schön klingenden Namen dem Fräulein Hahn nichts passieren konnte”, hielt Sautner fest.

Später erfuhr er die Wahrheit – dass Hedwig Hahn am 2. April 1942 abgeholt wurde und ins polnische KZ Piaski gebracht werden sollte. Fräulein Hahn soll bereits auf dem Weg dorthin gestorben sein. Die kleine rundliche Frau mit dem schweren Gang und dem feinen Lächeln, das Fritz Sautner so lange in Erinnerung blieb, wurde 53 Jahre alt.

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