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Heinrich Lutterbach

„Mit 27 Jahren aus dem Leben gerissen …“ – so empfand der Münchner Zeuge Jehovas Heinrich Lutterbach seine Verhaftung im September 1936. Sein Verbrechen: Er hatte zusammen mit anderen in der Bibel gelesen, den Gruß „Heil Hitler!“ sowie den Eid auf den Führer verweigert, und lehnte „als junger wehrpflichtiger Volksgenosse den Wehrdienst ab“, hieß es in der Urteilsbegründung des Gerichts, das ihn im November 1936 zu 10 Monaten Gefängnis verurteilte. Die Religionsgemeinschaft war bereits im April 1933 in Bayern verboten worden.

Schon im Oktober 1934 hatte sich Heinrich Lutterbach im Untergrund von München aus an der weltweiten Brief- und Telegrammaktion beteiligt, in der Reichskanzler Adolf Hitler aufgefordert wurde, das Verbot der Religionsgemeinschaft aufzuheben. Ab dem Spätsommer 1935 wohnte er am Georgenplatz 2 und organisierte von hier aus aktiv den Widerstand gegen das NS-Regime für die drei kleinen Gruppen von Zeugen Jehovas in Regensburg. Gleichzeitig war er als Musiker in der Spielzeit 1935/36 im Orchester des Stadttheaters Regensburg bei der Stimme erste Violine engagiert. Die Direktion im Strafgefängnis Landsberg/Lech verweigerte später die „herzliche Bitte“ von Lutterbachs Mutter, ihm ins Gefängnis seine Geige bringen zu dürfen, „daß er im Tag wenigstens eine Stunde irgendwo üben könnte“.

„Oft gab es in der Gefangenschaft Situationen, die scheinbar ausweglos erschienen“, erinnerte sich Lutterbach nach seiner Befreiung aus den KZ Mauthausen und Gusen. „Hunger, Kälte, Krankheit, schwere Arbeit, Mißhandlungen von Seiten unserer Peiniger, Spott und Hohn durch die zynischen Bemerkungen unserer SS-Führer […] und Kommandanten waren eine harte Probe für unseren Glauben.“

Mehrmals legte man Heinrich Lutterbach eine extra für die Zeugen Jehovas vorbereitete „Erklärung“ zur Unterschrift vor, nach deren Unterzeichnung man ihnen die Entlassung versprach. Sie sollten ihrem Glauben abschwören und ihre Bereitschaft bekunden, im Fall eines Krieges ihr Vaterland mit der Waffe zu verteidigen – das kam für ihn niemals in Frage: „Wir, die Bibelforscher [wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden] mit ihren violetten Winkeln auf den gestreiften Anzug genäht, galten als Vaterlandsverräter, die nicht kämpfen wollten und Hitler als ihren Führer ablehnten. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, drohte man uns […] alle zu erschießen.“

Dr. Hans Simon-Pelanda erklärt: „Über Jahrzehnte blieben die Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit belächelt oder wurden als ‚Sekte‘ diffamiert, ihr konsequenter, einzigartiger Widerstand fand kaum Anerkennung. Im Wissen um die besonderen Schikanen, die verschärften Strafen für Jehovas Zeugen über den alltäglichen Terror in einem KZ hinaus lässt sich kaum erklären, wie er fast 9 Jahre Gefangenschaft in den KZ von Dachau, Mauthausen und Gusen überleben konnte. Die SS rechnete zynisch mit einer Überlebenschance von wenigen Monaten für Gefangene im KZ und plante daraufhin den Arbeitseinsatz als ‚Vernichtung durch Arbeit‘.“

Von der kleinen, 1933 im Deutschen Reich nur rund 25.000 Mitglieder zählenden Religionsgemeinschaft waren 10.700 in irgendeiner Form von Verfolgungsmaßnahmen betroffen, 8.800 von ihnen hielt man in Gefängnissen und KZ gefangen. Mindestens 1.600 Zeugen Jehovas in Deutschland und den besetzten Ländern verloren ihr Leben, davon 548 Frauen und Männer durch Hinrichtung.

Mehr zum Leben von Heinrich Lutterbach auf den Seiten 288–299 in dem Aufsatz „Widerstand gegen das NS-Regime aus religiöser Überzeugung. Jehovas Zeugen in Regensburg 1933-1945″ von H. Simon-Pelanda/S.Breedlove, in: Lübbers, Bernhard (Hg.), Band 158 der Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 12/2018: https://www.heimatforschung-regensburg.de/2859/12/12%20Breedlove%20213-330.pdf

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