Julius Glaser
Julius Glaser kam 1876 in Horšice (Hortschitz)/Pilsen zur Welt. Er entstammte einer Kaufmannsfamilie im Textilhandel und führte diesen Beruf auch selbst aus. Im Alter von knapp 37 Jahren heiratete er die 31-jährige Maria Bleier aus Kbel/Pilsen.
Zwei Tage nach der Hochzeit zogen sie zusammen nach Regensburg in die Furtmayerstraße 4a. Unmittelbar danach erhielt Julius einen Heimatschein der Gemeinde Mitterteich. Dies weist einerseits darauf hin, dass er zum Zeitpunkt der Heirat bereits im Besitz der bayerischen bzw. der deutschen Staatsbürgerschaft war, denn der Heimatschein war jahrzehntelang für im Ausland lebende Deutsche der Nachweis ihrer Staatsbürgerschaft. Da es nicht ohne Weiteres möglich war, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, war er möglicherweise von Geburt Deutscher. Andererseits verweist die Nennung von Mitterteich und der rasche Zuzug nach Regensburg darauf, dass er in dieser Gegend wohl schon berufliche Erfahrungen besaß. Maria Glaser erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft erst später, da Julius 1916 einen Reisepass für seine Frau „aus Böhmen“, wie er anmerkte, beantragte. Wie regelmäßige Passausstellungen belegen waren beide viel in Böhmen, Österreich und Ungarn unterwegs, vermutlich beruflich.
Die Furtmayerstraße 4a, eine 3,5 Zimmer-Wohnung, war nicht nur Wohnsitz der Glasers, sondern auch Sitz des Textilunternehmens. In den Steuerakten findet sich kein Hinweis auf ein Geschäft, Einzelpersonen war es jedoch möglich, bei Julius Glaser einzukaufen, wie eine frühere Nachbarin zu berichten wusste. Im Wesentlichen aber lieferte er Stoffe für die Kleiderproduktion und war vor allem in der ländlichen Oberpfalz rege unterwegs: Für 1935 weist eine Aufstellung über Außenstände 65 Kunden in Schwandorf auf, über 20 in Leonberg, aber auch Ponholz, Weiden, Cham und andere Orte tauchen auf; einen weiteren Schwerpunkt bildete Rosenheim. Julius war somit auch über längere Zeit unterwegs – ohne in Besitz eines Autos gewesen zu sein –, denkbar wäre zudem auch ein Versandhandel. Die Vermutung deckt sich mit einer entsprechenden Bezeichnung in einer Branchenangabe. Die damals nach US-Vorbildern entstandene, noch recht neue Form des Handels bot gerade jüdischen Kaufleuten neue Möglichkeiten, hatten doch viele bisher als Hausierer gearbeitet oder sich nicht gegen den etablierten Handel durchsetzen können. Welchen Anteil der Versandhandel am Gesamtumsatz der Firma dabei erzielte, ist offen. Julius Glaser muss jedoch sehr erfolgreich gewesen sein, denn bereits 1917, also vier Jahre nach dem Zuzug nach Regensburg, kaufte er das gesamte Anwesen Furtmayerstraße 4a für die stattliche Summe von rund 36.000 RM. Fortan flossen auch Mieteinnahmen. In den 1920er bis Mitte der 1930er Jahre lag sein Einkommen regelmäßig über dem allgemeinen Durchschnitt, es entstanden einige Rücklagen. Der ehemaligen Nachbarin zufolge wurde auch durch sein äußeres Erscheinungsbild deutlich, dass er wohlhabend war. Angestellte hatte er nicht, seine Frau Maria Glaser dürfte jedoch mitgearbeitet haben, auch wenn bei ihr stets „ohne Beruf“ beim Finanzamt vermerkt wurde.
In der jüdischen Gemeinde war Julius Glaser engagiert. 1925 wurde er in einer Liste der wahlberechtigten Männer zu Wahlen innerhalb der Gemeinde aufgeführt, 1926 kandidierte er auf einer Liste konservativer Juden – „Vereinigung Jüdisch-Religiöser Mittelpartei und Rechtsstehende Liberale Juden“, die sich gegen die Gruppe „Liberales Judentum“ stellte. Zu dieser Zeit war innerhalb der jüdischen Gemeinde ein Dissens zwischen Konservativen und Liberalen (Assimilierten) entbrannt, in dem sich schließlich die Konservativen durchsetzen konnten.
Alles in allem erscheint das Bild eines wirtschaftlich erfolgreichen und abgesicherten Bürgers, der Zeit und Interesse hatte, sich in seinem religiösen Umfeld zu engagieren und dabei auch Ansehen gewann. Sein einziger Sohn studierte in Pilsen, nach 1939 konnte er sich von dort aus in die USA retten.
Welchen Drangsalierungen und Belastungen die Familie nach 1933 ausgesetzt war, kann nicht einzeln ausgeführt werden, doch schon 1936 werden die Geschäftseinnahmen von den Finanzbehörden festgesetzt – deutlich höher als von Julius Glaser angegeben. Die steuerliche Kinderermäßigung wurde gestrichen, „da Jude“. Überhaupt taucht in den Steuerunterlagen wiederholt der Hinweis „Jude“ auftaucht, wohl als selbstgeschaffene Rechtfertigung für Benachteiligungen. Rücklagen schrumpften, Schulden stiegen. Julius war geschäftlich aber weiterhin aktiv, wenn auch mit nachlassendem Erfolg.
Das Jahr 1938 brachte dann den entscheidenden Einbruch: Bis zum Ende des Jahres war in Regensburg die sogenannte „Arisierung“ von Betrieben abgeschlossen. 17 Betriebe wurden „arisiert“, sie mussten also weit unter Wert abgegeben werden. Dem folgten Auseinandersetzungen um die jüdischen Privatimmobilien. Familie Glaser musste ihr Haus in der Furtmayerstraße 4a abgeben, neue Besitzer wurden der Brauereiverwalter der Brauhaus AG und seine Gattin. Immerhin zahlten sie etwa 18.000 RM für das Gebäude, was ein größerer Anteil am wirklichen Wert des Gebäudes war als in den meisten Fällen bezahlt wurde. Auch bleibt das Ehepaar Glaser in der bisherigen Wohnung, dies war ebenfalls nicht der Regelfall. Der Kaufpreis ging aber nicht an Familie Glaser, sondern wurde einem Sperrkonto zugewiesen – de facto erfolgte also trotz der Zahlung eine Enteignung.
Was in der Nacht vom 9. November 1938 vor oder in diesem Haus geschah, ist unbekannt. Möglicherweise blieb man verschont, denn nach Angaben der früheren Nachbarin habe es in der Furtmayerstraße an diesem Tag keine antijüdischen Aktionen gegeben. Doch nach der Pogromnacht erinnerte man sich seitens des Staates erneut an die Reichsfluchtsteuer: Sie war in der Weimarer Republik geschaffen worden, um in Zeiten der Wirtschaftskrise die Abwanderung von Kapital und damit eine weitere wirtschaftliche Verschlechterung zu verhindern. Nach 1933 wurde diese Regelung zweckentfremdet, als man allen Juden unterstellte, sie seien auswanderungswillig bzw. „…kann das Finanzamt Sicherheitsleistung verlangen, wenn dies nach seinem Ermessen erforderlich ist, um gegenwärtige oder zukünftige Ansprüche auf Reichsfluchtsteuer, sonstige vor der Auswanderung zu leistende Steuern und andere steuerrechtliche Geldleistungen zu sichern.“ Julius Glaser erhielt mit dem 24. November den Bescheid, er habe bis zum 1. Dezember die Summe von 5 000 RM zu zahlen. Zwei Wochen später kam erneut ein Bescheid, diesmal über die Judenvermögensabgabe: in vier Raten waren 4 600 RM zu zahlen. Die Judenvermögensabgabe war eine Erfindung Hermann Görings, um die jüdische Bevölkerung unter dem Vorwand einer Sühneleistung für die Schäden des Pogroms vom 9. November, das angeblich von jüdischer Seite provoziert worden war, wirtschaftlich zu berauben.
Zugleich brach das Geschäft weg, Julius Glaser nahm 1939 und in der nachfolgenden Zeit nichts mehr ein. Es begann eine Phase zahlloser Briefe und Bittschriften, um die finanziellen Bürden zu reduzieren und die Zahlungen zu strecken – erfolglos. Lediglich die Vermögensabgabe wurde von 4 600 auf 3 800 RM reduziert, da er einen höheren Schuldenstand als bisher angenommen nachweisen konnte. Einem erfolgreichen und engagierten Kaufmann blieb nur noch, Briefe und Eingaben zu formulieren in der Hoffnung, wenigstens etwas Reduzierung zu erreichen: „…bitte ich höflich, mich von der Zahlung der 5. Rate zu befreien und ersuche das Finanzamt, mein heutiges Gesuch beim Herrn Oberfinanzpräsidenten zu befürworten. Ich bitte höflich den Herrn Oberfinanzpräsident, meinem Antrag aus Billigkeitsgründen zu entsprechen.“, bat er im November 1939 beharrlich, trotz der Demütigungen. Noch 1940 forderte das Finanzamt Steuern für „vorhandenes Vermögen“. Einige Anlagen waren noch da, sie bildeten die einzig verbliebene Lebensgrundlage. So schrieb Julius Glaser: „Ebenso musste ich die Lebensversicherung verkaufen, um leben zu können. Ich bitte daher um gütige Berücksichtigung, ergebenst: Julius Israel Glaser.“
Im März 1942 wurden Julius und Maria Glaser aufgefordert, sich am 2. April mit einer bestimmten Menge Reisegepäck an einer Sammelstelle einzufinden. Von dort wurden sie zusammen mit den meisten Regensburger Juden nach Piaski deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Nach 1945 wird ihr Tod mit dem 4. April festgehalten, ohne dass dieser tatsächlich an diesem Datum erfolgt sein muss.
Nach dem Krieg stellte ihr Sohn Franz Glaser einen Entschädigungsantrag im Zuge der Wiedergutmachung. Die Regensburger Stadträtin Friedel Schlichtinger unterstützte ihn 1948 dabei, ohne dass dies zu einem Erfolg führte. Erst als sich Robert Kempner, nordamerikanischer Hauptankläger im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, zehn Jahre später von seiner Frankfurter Kanzlei aus der Sache annahm, bewegte sich etwas. Bis 1961 war dieser Vorgang noch nicht abgeschlossen, zu einem unbestimmten Zeitpunkt geschah es aber wohl doch noch.
Quellen:
– Stadtarchiv Regensburg, Familienstandsbogen Julius Glaser
– Staatsarchiv Amberg II 667 149 –a 174 263 – JR 674
– Adressbuch Regensburg 1926 und 1929
– Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe, Ärzte und Rechtsanwälte in Regensburg und Straubing um 1935 (= E 39 Nr. 1300/9 Stadtarchiv Nürnberg)
– geschichte-bayern.de, 21.05.2008
– rijo research 2.0
– Gespräch mit einer früheren Nachbarin (November 2013)
– Yad Vashem. The Central Database of Shoah Victims’ Names. yadvashem.org
– Stefan Aigner, Die Ermordung der Regensburger Juden. In: Regensburg digital, 28.01.2008.
– Helmut Halter, Stadt unterm Hakenkreuz. Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit. Regensburg 1994.
– Siegfried Wittmer, Regensburger Juden. Jüdisches Leben von 1919–1990. 2. Aufl., Regensburg 2002.