Paul Brandis
Paul Brandis wurde am 8. April 1929 in Regensburg als Sohn von Alice und Karl Brandis geboren. Er hatte zwei Brüder, Werner und Rudolf, und eine Schwester, Charlotte. Die Familie lebte in der Maximilianstraße 16. Am 2. April 1942 wurde die gesamte Familie nach Piaski deportiert und später in Sobibor ermordet.
In der Maximilianstraße 16 befand sich die Firma Weiß & Holzinger, eine Textilgroßhandlung und ein Woll- und Strickwarengeschäft. In diese Firma stieg Karl Brandis, geboren am 14. Dezember 1890 in Schweinfurt, ein, nachdem er am 11. April 1923 Alice Holzinger geheiratet hatte. Sie war die Tochter von Emil und Gisela Holzinger.
Die vier Kinder, die aus der Ehe hervorgingen, waren Charlotte, geb. 17.02.1924, Werner, geb. 13.01.1926, Rudolf, geb. 09.08.1927, und Paul, geb. 08.04.1929. Die Familie war fest in Regensburg integriert. Die Kinder wuchsen richtig bayerisch auf. Die drei Buben trugen mit Vorliebe Lederhosen, sie redeten regensburgerisch, rauften und radelten und fühlten sich wohl. Die Mutter Alice entwickelte sich zur Seele der Familie, da der Vater viel als Vertreter unterwegs war.
Zu den Angestellten, wie z. B. Fanny Hartl, hielt sie freundschaftlichen Kontakt. Neben Ausflügen mit ihren Kindern und ihrer Mutter, der Holzinger-Omimi, konnte sich Alice für Geschichte und Kunst begeistern. Insgesamt gesehen lebte die Familie eher synagogenfern. Doch dieses beschauliche Leben fand spätestens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der Reichspogromnacht, in der nicht nur in Regensburg die Synagoge brannte, ein Ende.
1946 berichtete der Zeuge Dr. Reger vor Gericht über die Vorgänge bei Familie Brandis Folgendes:
„Gegen 1 Uhr nachts riefen NSKK-Leute (Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps), ob „Jud Brandis“ da sei. Dann schrien sie: „Raus damit!“ Als Karl Brandis die Haustür öffnete, wurde er mit den Worten „Du Saujud“ geschlagen. Es wurde in der Wohnung ca. eine halbe Stunde lang massiv randaliert, man hörte Geräusche, als werde jemand geschlagen und schließlich wurde Karl Brandis abgeführt.“
Vorher konnte bereits Charlotte, die älteste Tochter die Auswirkungen des nationalsozialistischen Regimes selbst erfahren. In ihrer Schülerakte wurde vermerkt: „Auf Veranlassung des Herrn Oberbürgermeister der Stadt Regensburg am 04.11.1936 aus dem Städtischen Mädchenlyzeum ausgeschieden.“ (1)
Am 2. April 1942 wurde die gesamte Familie zusammen mit der Großmutter und über 100 weiteren Regensburgern aus der Stadt gebracht. Sie durften jeweils einen Koffer, eine Bettrolle und einen Rucksack mitnehmen – in ihre neue Heimat im Osten, wo sie künftig unbehelligt leben und arbeiten können – diese Lüge wurde ihnen zugemutet. Überdies mussten sie für diesen Transport in den Tod auch noch die Fahrtkosten übernehmen – 50 Reichsmark pro Person!
Sie kamen nach Piaski in Polen, eine Art Durchgangsghetto. Post durfte von dort aus nach Hause gesendet werden; so konnte die Fiktion einer Umsiedlung aufrechterhalten werden. Am 13. April schrieb Alice Brandis auf einer Karte an Fanny Hartl, die ehemalige Angestellte, dass sie sich Päckchen mit Eßwaren und Kleidung erwünsche. Eindringlicher scheint aber diese Bitte zu sein: „Vergesst uns nicht!“ Es kamen nur noch wenige Briefe von Alice in Deutschland an. Später schreibt Charlotte, vermutlich im Juli 1942, an ihren Großonkel Ottmar Holzinger, dass ihr Bruder Werner bereits am 1. Mai Piaski habe verlassen müssen. Seit 14 Tagen lebe sie allein. Als sie abends in das Lager zurückkehrte, waren alle fort, die Eltern, die zwei kleinen Brüder und auch die Großmutter.
Die letzte Nachricht von Charlotte stammt vom 8. September 1942, sie ging an ihre Tante Daniela und ihren Onkel Ottmar in Regensburg. Darin bittet sie fast flehentlich um warme Kleidung für den bevorstehenden Winter: „Könnt Ihr nichts mehr schicken? Für mich ist das sehr schlimm, da es bereits anfängt kühl zu werden und ich weder ein warmes Kleid noch einen Mantel besitze. Meine Schuhe sind auch kaputt, und ich habe kein zweites Paar. […] Von den Eltern und Werner kann ich keine Nachricht erhalten. Ihr könnt Euch nicht denken, wie schlimm und nervenzehrend es ist, nicht zu wissen, wo man seine Liebsten suchen muß, wenn man nicht weiß, wie es ihnen geht, ob sie gesund sind oder überhaupt noch leben. Wir selbst sind ja hier auch nicht sicher, jeden Tag kann etwas passieren. …“
Für Charlotte und ihre Familie wurde als Todesort Sobibor festgelegt. Das Amtsgericht Regensburg hat sie und ihre Familie durch rechtskräftigen Beschluss für tot erklärt. Charlotte hatte eine realistische Chance zu überleben, wenn sie 1938 als 14-Jährige mit der Jugend-Alijah nach Palästina gefahren wäre. Das Einreisezertifikat war vorhanden, doch sie wollte ihre Eltern nicht verlassen. Nicht ganz klar ist, ob für die Familie auch zeitweise die Idee bestand, getrennt auszuwandern, nach Australien und England. Tragisch erscheinen die Worte von Karl Brandis, die er auf die Frage nach einer Auswanderung geantwortet haben soll: „Es geht uns noch einigermaßen gut. Im Fall des Falles nehmen wir den letzten Zug.“ Die Stolpersteine sollen den Wunsch von Alice Brandis, geb. Holzinger, erfüllen: Vergesst uns nicht!
Quellen:
(1) Broschüre zur Geschichte des Von-Müller-Gymnasiums in den Jahren 1933 bis 1936 – Geschichtswerkstatt der SMV des V-M-G; Hrsg. Michael Wabra 1987.
Wittmer, Siegfried, Regensburger Juden – Jüdisches Leben von 1519 bis 1990, Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte Band 6; Universitätsverlag Regensburg, 2002.
Fotos aus Privatbesitz.