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Sally Birn

Sally Birn wurde am 21. Juli 1890 als zweites Kind der Eheleute Sigmond und Magdalena Birn geboren. Er entstammte einer unterfränkischen Familie, die seit circa 1770 in Estenfeld bei Würzburg zu Hause war. Sally Birn lernte Bankkaufmann und war in diesem Beruf und als Geschäftsführer verschiedener Betriebe tätig.

Am 4. Januar 1921 heiratete er die drei Jahre jüngere Betty Blumenthal, die aus Schweinfurt stammte (geb. am 18. November 1893 in Schweinfurt). Der Sohn Martin kam am 15. Februar 1926 zur Welt. Ehefrau Betty verstarb bereits am 23. September 1934 in Würzburg. Da war Martin erst acht Jahre alt. Das Kind wurde 14 Tage später nach Stuttgart gebracht. Leider ist nicht bekannt, bei wem Martin dort unterkam und aufwuchs. Er hat den Holocaust überlebt und wanderte später nach Denver, Colorado aus.

Sally Birn war in Estenfeld, Aschaffenburg und Schweinfurt zu Hause. 1937 zog er von Estenfeld nach Cham, um dort die Geschäftsaufgabe einer jüdischen Firma, deren Besitzer ausgewandert war, abzuwickeln.

Vom 12. bis 28. November 1938 war Sally Birn im KZ Dachau in sogenannter Schutzhaft, wie die meisten männlichen Juden in dieser Zeit. Am 24. September 1940 zog er dann von Cham nach Regensburg, vermutlich weil ein Cousin in Regensburg wohnte. Zuerst kam er in der Prüfeninger Straße 95 bei Familie Hellmann unter. 1941 musste er sich einer Operation in Würzburg unterziehen und kehrte von dort zu seinem Cousin Eugen Bayer in die Wassergasse nach Regensburg zurück.

Von dort zog er am 25. Juni 1941 zu Familie Lewkowitz in die Schäffnerstraße 2. Sein Schicksal nach der Deportation ist unklar. 1951 wurde von seinem Onkel Leopold Birn ein Antrag auf Toterklärung gestellt. Zitat aus den amtlichen Papieren: „(…) da nach amtlicher Feststellung Sally Birn als deutscher Jude im Jahre 1943 ins KZ geschafft und seitdem vermisst und unter Umständen verschollen ist, die ernstliche Zweifel an seinem Fortleben begründen. Da seit dem Ende des Jahres, in dem er nachweislich noch gelebt hat, mehr als acht Jahre verstrichen sind und das öffentliche Aufgebot erfolglos geblieben ist, war er für tot zu erklären. Als Todeszeitpunkt war der 31.12.45 festzusetzen.“

Seine Brüder mit ihren Ehefrauen in Estenfeld wurden ebenfalls verfolgt. Der jüngere Bruder Siegfried wurde nach Theresienstadt deportiert und ermordet, der ältere Bruder Adolf konnte als einziger der Familie rechtzeitig nach Argentinien auswandern.

Für die ermordeten Mitglieder der Familie Birn wurden in Esterfeld/Kreis Würzburg bereits 2007 sechs Stolpersteine verlegt. Sein Bruder Siegfried schrieb 1942 aus Theresienstadt an eine befreundete Familie in Estenfeld noch folgenden Brief, der hier auszugsweise zitiert wird, da dieses
Dokument ein wenig Einblick in die Familie Birn gibt.

Siegfried Birn hatte wie so viele als deutscher Soldat im I. Weltkrieg an der Westfront gekämpft. In den unruhigen Jahren 1918/19 hatte er als Freiwilliger beim Freikorps Würzburg mitgeholfen, seine Mitbürger vor den politischen Unruhen damals zu schützen. Später arbeitete er im Stoffladen seiner Eltern in der Zinnergasse mit. In den schweren Jahren nach dem I. Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise war er stets bereit, auch ärmeren Familien zu helfen. Dringend benötigte Bettwäsche oder anderes gab er häufig mit den Worten aus „Nehmen Sie die Ware jetzt ruhig mit. Bezahlen Sie, wenn sie wieder etwas Geld haben. Wir leben in schwierigen Zeiten…“

Sein Versuch sich in die Schweiz abzusetzen, wurde vereitelt. Später wurde er als einer der ersten Estenfelder Juden in ein Arbeitslager gebracht. Von dort schrieb er 1942 einen letzten Brief an die Familie Barthel, die seine Nachbarn in der Zinnergasse gewesen waren. In der Zeit der Anfeindungen und Verfolgung der Juden hatten sie die Freundschaft zu ihm und seiner Familie gehalten.

Einige Abschnitte aus diesem Brief:

„Liebe Familie Barthel,

(…) Leider hat sich meine Hoffnung, Euch nochmals persönlich zu sprechen, nicht verwirklichen lassen. Jetzt bin ich mit meiner Frau zum Abtransport nach Polen bestimmt.

(…) Für meine kurze Ehe ist diese Verbannung in das bekannte Elend Polens besonders tragisch. Aber wir erleben gerade in diesen Tagen der härtesten äußeren Bedrängnis die tief innerliche Bestätigung unserer seelischen Zusammengehörigkeit und das lässt uns all dem Trüben und Dunklen, das uns jetzt bevorsteht, mit Fassung entgegenblicken. Für unseren nächsten Kampf wird die Erhaltung der Gesundheit das höchste Ziel bleiben. Wir müssen uns leider im Klaren sein, wie viel unvorstellbare Opfer dieser Kampf fordert, denn Hunger und Seuchen sind in den Gebieten, in die wir verschickt werden, ständige Begleiter. Die einzige Hoffnung, die wir mitnehmen dürfen ist die, dass auch dieser unselige Krieg einmal zu Ende geht und uns dann noch ein Stück menschenwürdiges Leben erwarten kann.

(…) Meine herzlichsten Wünsche für Eure Gesundheit und Eure Zukunft begleiten Euch. (…) Ich kann Euch den Dank für all das Gute nicht herzlich genug zum Ausdruck bringen. (…)

In dem Augenblicke, in dem ich von der alten Heimat in meinen Gedanken Abschied nehmen muss, wird alles Hässliche, Verwerfliche und bittere Unrecht, das ich in den letzten Jahren wehrlos erleiden musste, von dem Bewusstsein überstrahlt, dass ich in der alten Heimat in Euch, liebe Familie Barthel, Menschen gefunden habe, die ihr edelstes Menschentum in schwerster Zeit bis zuletzt bewiesen haben.

Siegfried“

Quellen:
– Stadtarchiv Regensburg
– Staatsarchiv Amberg
– Dokumentation Stolpersteinverlegung Estenfeld 2007
– Webtrees Galker Family

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